Zehnjährige Partnerschaft mit El Guettar, um gemeinsam Nachhaltigkeit zu praktizieren

Tunesische Delegation zu Besuch im Landkreis Böblingen

Delegationsbesuch in der BVL Vergärungsanlage, Juli 2026

Der Landkreis Böblingen und die tunesische Kommune El Guettar feiern ihre zehnjährige Projektpartnerschaft – ein erfolgreiches Beispiel gelebter kommunaler Entwicklungspolitik. Anlässlich des Jubiläums war eine fünfköpfige tunesische Delegation vom 20. – 23. Juli zu Gast beim Abfallwirtschaftsbetrieb des Landkreises. Die Delegierten wurden unter anderem von Mitarbeitern des tunesischen Innenministeriums sowie des Gouvernements Gafsa begleitet.

Die Wurzeln dieser Partnerschaft reichen bis ins Jahr 2016 zurück. Damals startete der Verband Kommunaler Unternehmen (VKU) einen Aufruf an deutsche Kommunen, im Rahmen einer Projekt-Partnerschaft im Bereich Abfallwirtschaft maghrebinische Kommunen zu beraten und die Demokratisierungsbestrebungen der Länder zu unterstützen und damit letztendlich Fluchtursachen zu bekämpfen. Darüber hinaus sind Partnerschaften zur Erreichung der 17 Nachhaltigkeitsziele der Vereinten Nationen eine wichtige Bedingung.

Im Mittelpunkt des viertägigen Besuchs stand der fachliche Austausch und damit Besichtigungen kommunaler Anlagen wie der Kläranlage in Böblingen-Sindelfingen, der Vergärungsanlage der Bioabfallverwertung GmbH in Leonberg und des landwirtschaftlichen Versuchsfelds in Tailfingen. Zudem diskutierten die Beschäftigten beider Verwaltungen, welche Weiterentwicklung die Abfallwirtschaft in Richtung Kreislaufwirtschaft nehmen muss und in welcher Form der Bevölkerung die Themen Abfallvermeidung und Ressourcenschutz nahegebracht werden können. Ein weiteres Thema ist der Umgang mit den immer stärker spürbaren Folgen des Klimawandels: Der kürzlich vom Landratsamt veröffentlichte Hitzeplan ist nur eine der Maßnahmen, die vorgestellt wurde. In Tunesien, das weltweit zu den am stärksten vom Klimawandel betroffenen Regionen gehört, sind Hitze und Dürre schon lange Alltag.

Der AWB unternahm zu dieser Zeit erste Anstrengungen zu einer sukzessiven Umstellung seiner großen Fahrzeugflotte auf Fahrzeuge mit nachhaltigeren Antrieben, führte eine neue Abfall-App mit vielerlei Funktionen sowie die Online-Plattform verschenkenundmehr.de ein. Letztere sollte zu mehr Abfallvermeidung durch Weitergabe von noch gebrauchsfähigen Dingen wie Möbeln, Spielzeug, Sportgeräte etc. führen.

Der AWB wollte seine Erfahrungen in der Abfall- und Kreislaufwirtschaft teilen und fand in El Guettar, einer rund 20.000 Einwohner zählenden Kommune, einen passenden Partner. Auch die tunesische Seite zeigte großes Interesse, ein bereits vorliegendes Abfallkonzept mit Unterstützung des AWB umzusetzen. Die Bevölkerung von El Guettar ist im Vergleich zum Landkreis Böblingen mit rund 400.000 Einwohnern viel kleiner, dafür umfasst das Gemeindegebiet 960 Quadratkilometer und ist damit flächenmäßig rund 1,5-mal so groß wie der Landkreis.

Das Abfallkonzept El Guettars wurde umgesetzt und erweitert. Über zehn Jahre hinweg wurde im Rahmen der Förderprojekte der Servicestelle Kommunen in der Einen Welt (SKEW) von Engagement Global und mit Hilfe der Deutschen Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit (GIZ) GmbH eine kreislauffähige Abfallwirtschaft entwickelt und die Bevölkerung für Abfalltrennung und die Sammlung organischer Abfälle zielgruppenspezifisch sensibilisiert.

Im Rahmen des Programms „Kommunaler Wissenstransfer" KWT I und II wurde im Jahr 2019 ein Wertstoffhof mit einer Anlage zur Trennung und zum Recycling von Kunststoffabfällen eröffnet. Innerhalb von vier Jahren hat El Guettar mit Mitteln des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit im Rahmen des Programms „Nachhaltige Kommunalentwicklung durch Partnerschaftsprojekte" außerdem eine Kompostieranlage aufgebaut und in Betrieb genommen. Maßnahmen wie diese sind für Tunesien lebenswichtig: Mit dem gewonnenen Kompost werden die Parzellen der Oasenstadt auf natürliche Weise gedüngt und der zunehmenden Desertifikation (Wüstenbildung) entgegengewirkt. Dies kommt auch der globalen Klimasituation zugute.

Zum Inhalt und zur Entwicklung der Partnerschaft ist eine Fotoausstellung erhältlich, die unentgeltlich über das Landratsamt ausgeliehen werden kann. Interessierte können sich bei Heike Roscher unter h.roscher@lrabb.de melden.

(Erstellt am 06. August 2026)